Zu teuer, zu riskant, zu unflexibel? Öffentlich-Private Partnerschaften sind seit Jahren Gegenstand kontroverser Diskussionen. In einem Reality-Check stellt sich ein Experte den klassischen Einwänden kommunaler Entscheiderinnen und Entscheider – von Kontrollverlust über Kostenfragen bis hin zu Betrieb und Haushaltswirkung. Ein differenziertes Gespräch über Vorurteile, Fakten und die Frage, was ein ÖPP Modell heute tatsächlich leisten kann.
Redaktion: Herr Hense, viele Kommunen haben mit Öffentlich-Privaten Partnerschaften schlechte Erfahrungen gemacht oder zumindest davon gehört. Woran liegt das?
Carsten Hense: Viele Vorurteile stammen aus einer Zeit, in der ÖPP-Modelle noch weniger ausgereift waren. Heute werden aktuelle Projekte mit Erfahrungswerten von vor 15 oder 20 Jahren beurteilt – das greift zu kurz. Vertragsstrukturen, Vergabepraxis und Steuerungsinstrumente haben sich erheblich weiterentwickelt.
Redaktion: Kritiker sagen: Wer Planung, Bau und Betrieb in eine Hand gibt, macht sich abhängig. Ist das realistisch?
Carsten Hense: Nein. Moderne ÖPP-Verträge sichern der öffentlichen Hand umfassende Steuerungs- und Eingriffsrechte. Die Kommune definiert Ziele und Leistungskennzahlen und behält die Hoheit. Kontrolle geht nicht verloren, sie wird strukturiert organisiert.
Redaktion: ÖPP gelten zudem als zu teuer und als Privatisierung durch die Hintertür.
Carsten Hense: Das ist ein Missverständnis. Die öffentliche Hand bleibt Eigentümerin – eine Privatisierung findet nicht statt. Der private Partner wird für klar definierte Leistungen vergütet – und nur, wenn diese erbracht werden. Bei Leistungsabweichungen wird die Vergütung gekürzt.
Redaktion: Warum sollte eine Kommune ein vermeintlich komplexeres Modell wählen?
Carsten Hense: Weil Komplexität kein Nachteil ist. Die Vorbereitung ist intensiver – aber genau darin liegt der Vorteil: Anforderungen, Risiken und Lebenszykluskosten werden frühzeitig geklärt. Das schafft Transparenz und reduziert spätere Schnittstellenprobleme deutlich.
Redaktion: Binden langfristige Zahlungsverpflichtungen nicht zu stark?
Carsten Hense: Im Gegenteil: sie schaffen Planungs- Kostensicherheit. Zahlungen erfolgen leistungsabhängig und sind über die Laufzeit kalkulierbar. Über den Lebenszyklus ist die Haushaltswirkung mit klassischen Modellen vergleichbar – oft sogar wirtschaftlicher.
Redaktion: Was ist mit regionalen Betrieben und sozialen Standards?
Carsten Hense: Leistungen werden meist in Einzelgewerken vergeben, sodass regionale Unternehmen beteiligt sind. Zudem gelten uneingeschränkt Arbeits-, Tarif- und Vergaberecht.
Redaktion: Wo liegen die Grenzen?
Carsten Hense: ÖPP eignet sich Projekte mit klaren Anforderungen und langfristiger Perspektive – aber nicht für jedes Vorhaben. Entscheidend ist, welches Modell im Einzelfall den größten Mehrwert bietet.
Carsten Hense betreut als studierter Diplom Bauingenieur seit über 25 Jahren Projekte für öffentliche Kunden. Seit 2022 ist er Geschäftsführer der GOLDBECK Public Partner GmbH mit Sitz in Bielefeld.
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